Monsterhearts: Knutschen, posen, Kehlen rausreißen

Ich hatte bisher nur von „PbtA“-Rollenspielen gehört, sie aber noch nie selbst gespielt. „Powered by the Apocalypse“ steht für eine ganze Reihe von Rollenspielen, die auf den Regeln von D. Vincent Bakers Apocalypse World aufbauen. Das Gerüst ist so flexibel, dass es für verschiedenste Settings genutzt werden kann, von Post-Apocalypse (Apocalypse World selbst) über Fantasy (Dungeon World) bis Science-Fiction (Uncharted Worlds), Superhelden (Masks) und Horror wie Monsterhearts.

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Neben dem aufgelisteten Masks ist Monsterhearts ein weiteres PbtA-Spiel, das Teenager als Protagonisten in den Fokus stellt. Das Setting ist eine Highschool inklusive Umgebung in Amerika, in der sich einige Jugendliche nicht nur mit der Pubertät und ihrer Sexualität auseinandersetzen müssen, sondern auch damit, dass sie Monster sind.

Ein subjektiver Einblick

Ich will hier gar keine komplette Spielvorstellung schreiben und belasse es deshalb bei einem subjektiven Einblick. Ich beziehe mich meist auf Eddie, meinen Werwolf in einem Kurzabenteuer, an dem ich gerade teilnehme.

Illustration aus dem Werwolf-Playbook

Im Grundregelwerk sind zehn Figuren vertreten, zum Beispiel Vampire, Werwölfe, Geister und mit der Sterblichen auch eine von zwei nicht phantastischen Varianten. Für jede Art von Figur gibt es ein auf sie zugeschnittenes „Playbook“, einen Figurenbogen1. Spielerinnen wählen aus Vorgaben aus, um ihre Figur zu individualisieren.

[1] Ich mag den Begriff „Charakterbogen“ nicht, deshalb nutze ich diesen alternativen Begriff.

Auch auf das Abenteuer selbst haben die Spielerinnen und Spieler Einfluss. Wir beantworteten verschiedene Fragen, die unserer Spielleitung Impulse für die Geschichte und auch Beziehungen untereinander gaben.

Du riechst so gut ...

Jede Figur hat eine vorgegebene kleine Geschichte, die aber so formuliert ist, dass die Details vom Spieler festgelegt werden können. Die Geschichte des Werwolfs lautet:

Du beobachtest schon seit Wochen jemanden aus der Ferne. Dessen Geruch und Angewohnheiten sind für dich inzwischen unverwechselbar. Du bekommst zwei Strings auf ihn/sie.

„Strings“ sind eine interessante Sache, denn sie stellen, wie die Bezeichnung andeutet, so etwas wie Marionettenfäden dar. Mit Strings hat man jemand anderen quasi „am Haken“ und kann sie gegebenenfalls dazu bringen, etwas zu tun oder auf eine bestimmte Weise zu reagieren. Ich hatte für Eddie beispielsweise zu Beginn ausgewählt, dass er jedesmal einen String auf eine Person bekommt, wenn er sie verletzt. Dies soll Ausdruck seiner raubtierhaften Dominanz als Werwolf sein.

Lass deinen Freak raus

Tja, und natürlich hat jedes Monster auch eine „dunkle Seite“. Beim Werwolf sieht sie so aus:

Du verwandelst dich in eine furchterregende Wolfskreatur. Du gierst nach Macht und Dominanz, die du durch Blutvergießen erlangst. Wenn sich dir jemand in den Weg stellt, muss derjenige dafür bluten und zur Strecke gebracht werden. Du entfliehst deiner dunklen Seite, wenn du jemanden verletzt, der dir wichtig ist, oder die Sonne aufgeht.

Wie diese Wolfsform aussieht, kann die Spielerin, gegebenenfalls in Absprache mit der Spielleitung, selbst entscheiden. Eddies menschliche Form verwandelt sich teilweise in einen Werwolf, wird also zu einem Hybriden. Ich finde das cool und es lässt sich so auch etwas mehr machen als in einer reinen Wolfsform.

Wo wir gerade dabei sind, habe ich für Eddie während der Figurenerschaffung zwei Fähigkeiten ausgewählt, die ihn weiter charakterisieren und auch festlegen, wann er Erfahrungspunkte bekommt. Eine der Fähigkeiten hab ich weiter oben schon erwähnt, Eddie bekommt einen String auf eine Person, wenn er sie verletzt. Außerdem ist Eddie ein bisschen labil und erhält einen Erfahrungspunkt, wenn er sich in einen Werwolf verwandelt.

Um diese Labilität in Werte zu fassen, mit denen gewürfelt werden kann, entschied ich mich bei den Attributen für die aggressivere Variante. Eddie ist dadurch nicht ganz so sexy wie andere Figuren, geht dafür aber schneller hoch. „Was hast du gerade gesagt? Ich bin ein FREAK?!? Ich mach' dich fertig, du Penner!“

Mit etwas Erfahrung ...

Während meiner zweiten Spielsitzung hatte Eddie mit fünf Erfahrungspunkten genügend, um eine Verbesserung vorzunehmen. Eine Figur kann insgesamt sechs dieser Verbesserungen vornehmen, zumindest gibt es nur so viele Einträge im Playbook. Ich hätte eines von Eddies Attributen um 1 erhöhen können oder ihm eine weitere Werwolffähigkeit geben können. Ich entschied mich allerdings erst mal anders, weil es etwas gab, das ich zuvor schon im Spiel eingeführt hatte: Eddie ist Teil eines Wolfsrudels, der Steppenwolves. Was das im Spiel bedeutet, ist nicht weiter festgelegt, da kann ich also im Rahmen herumfantasieren. Es bietet sich natürlich an, Verstärkung anzufordern, wenn sich Eddie und die anderen Spielfiguren mit Leuten angelegen, die etwas zu mächtig sind. Das kommt bei Teenagern natürlich niemals vor. Nie.

Sex

Jede Figur hat in Monsterhearts übrigens auch einen „Sex Move“. Wie ich zu Beginn schon andeutete, geht es im Spiel auch um Sexualität, deren Ausleben und die Auseinandersetzung damit. Beim Werwolf lautet die Beschreibung dazu:

Wenn du mit jemandem Sex hast, baust du eine tiefe und spirituelle Verbindung auf. Du bekommst auf alle Würfe +1, mit denen du ihn/sie verteidigst. Dies gilt so lange, bis einer von euch die Verbindung löst, indem er/sie Sex mit jemand anderem hat. Du spürst es, wenn die Verbindung gelöst wurde.

Das finde ich atmosphärisch und sehr passend. Ich lese auch sonst gern Urban Fantasy mit Werwölfen und finde dieses Klischee immer wieder gern vor. Monsterhearts schließt ausdrücklich sexuelle Orientierungen ein, die von der Heterosexualität abweichen. Es kann also durchaus sein, dass eine Figur sich mit ihrem Coming-out auseinandersetzen muss, wenn die Spielrunde da mitzieht. Wir machen es bei uns so, dass Rundenteilnehmer jederzeit sagen können, wenn sie mit der Thematik oder etwas anderem Probleme haben.

Was geht ab?

Was kann es an einer stinknormalen Highschool in Amerika schon Außergewöhnliches geben? Höllenschlünde zum Beispiel. Sporttrainer, die ihre Schützlinge mit komischem Zeugs dopen. Feenbäume auf dem Schulhof. Radiergummis, die Menschen „ausradieren“ können. Teenagerliebe. So was halt. Und das macht saumäßig viel Spaß!

Es gibt so viele, schöne Dinge, die schiefgehen können und es auch tun. Eddie hatte sich leider nicht immer unter Kontrolle und riss dem Schulrektor die Kehle raus, weil der ein komisches Ritual im Heizungskeller durchführte und Eddie provozieren musste. Daraufhin fiel der Rektor dann um und der Höllenschlund erschien. Mist. Zumindest waren wir damit den Rektor los ... oder?

Das Beziehungsgewirr innerhalb der Jugendlichen war auch recht lustig. Anschmachten, Versprechen machen, Eifersucht, alles dabei. Und das Wichtigste: Wir haben ob genutzter Klischees soo viel gelacht. Kongenial der Basketball-Coach, der vor ausgetretenen Mannerismen nur so strotzte. Das war eine Glanzleistung unserer Spielleitung, hot damn!

Fazit

Mir macht Monsterhearts Spaß. Die zugeschnittenen Playbooks befördern eine schnelle Figurenerschaffung und einen schnellen Einstieg ins Spiel. Ich finde die vorgegebenen Details passend, sie sind gleichzeitig aber interpretierbar, so dass ich als Spieler genügend Freiheit habe, um aus dem Playbook „meine“ Figur zu machen.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Hot damn.